24.06.2009
Käsebombe
Auch wenn es der Wunsch nach einer schlüssigen Dramaturgie eigentlich verbietet, so muss ich doch meinen bunten Reigen an Erzählungen aus dem Frankreich-Urlaub direkt mit dem Höhepunkt eröffnen. Zu kurios ist die Begebenheit und zu stark der Drang, sie mit anderen zu teilen.
Und es begab sich also folgendes:
Die erste Woche unseres Urlaubs verbrachten wir in einem Ferienhaus in La Bresse, einem verschlafenen Örtchen in den Vogesen. Von dort nahmen wir für uns selbst und auch als Mitbringsel für unsere Lieben neben diversen Flaschen guten Elsässer Weins auch ein ordentliches Paket regionalen Käses mit, den wir ganz urig im Bauernlädchen auf einer kleinen Farm im Ort erstanden hatten. Vor allem einige besonders schöne Exemplare des überaus leckeren aber leider auch recht geruchsintensiven Münsterkäses packten wir mit ins Körbchen, als wir uns auf die Reise Richtung Hauptstadt machten, wo wir einige Tage in einem Hotel nahe Disneyland Paris zu nächtigen gedachten. So weit, so unspektakulär.
Nun begab es sich aber, das das Hotel zwar über allerlei nützliche Ausstattungsdetails verfügte, wie man sie von Hotels eben so kennt - Duschbad, Handtücher, Flatscreen-TV, einen Safe im Schrank - aber eben nicht über eine Minibar. Da saßen wir nun also fest - ohne alkoholische Getränke (was halb so schlimm war, denn den guten Elsässer Wein hatten wir schließlich dabei) - vor allem aber ohne Kühlschrank.
Nach kurzem Überlegen taten wir, was jeder denkende Mensch getan hätte: Wir packten den Käse in eine Einkaufstüte und verstauten ihn im Safe. Weg war er. Problem gelöst. Am nächsten Morgen allerdings bemerkten wir, wie sich die Rotschmierkulturen über Nacht ihren Weg durch die vermeintlich ein- und ausbruchssichere Safeabdeckung gebahnt hatten - es stank wie drei Tage ungewaschene Füße. Das Fenster konnten wir leider nicht geöffnet lassen, es ließ sich nämlich nicht kippen und wir hatten doch einige Wertgegenstände dabei. Also schlossen wir es und verhängten die Tür mit einem “Ne pas déranger, s’il vous plaît.”-Schild.
Bei der Rückkehr am Nachmittag kündeten sanfte Duftschwaden schon beim Ausstieg aus dem Fahrstuhl von unserer geheimen Fracht. So konnte es nicht weiter gehen. Da kam uns die rettende Idee: Wir machten uns mit zwei weiteren Einkaufstüten auf den Weg zum Softdrinkspender im Gang und füllten sie mit Eiswürfeln. Eine dritte Tüte kam zusätzlich um den Käse und das ganze verschwand wieder im Schrank. Beruhigt gingen wir zu Bett.
Am nächsten Morgen stand das ganze Zimmer unter Wasser. Hätte man sich eigentlich denken können.
Aber so leicht lassen wir uns nicht entmutigen - stattdessen perfektionierten wir nach dem Aufwischen unsere Methode. Die neuen Eisladungen kamen diesmal in verschließbare Tupperdosen, die freigewordenen Tüten zusätzlich um den Käse. Beides ab in den Safe und auf zum Tagesausflug nach Paris. Bei der Rückkehr wehte uns diesmal bereits im Foyer ein leichter, würziger Hauch um die Nase. Das “Nicht stören”-Schild hatten die Putzfrauen einfach ignoriert und inzwischen war ein nasenbeklammerter Suchtrupp bereits in unserem Zimmer Zugange, um den Quell des Gestanks zu eliminieren.
Lange Rede, kurzer Sinn: Nach drei Tagen verzweifelten Ringens mussten wir den Käse schweren Herzens aufgeben und uns wohl oder übel von der zur Geruchsbelästigung degradierten Spezialitätenware im Gesamtwert von gut und gerne sechzig Euro trennen. Statt auf leckerem Baguette landete sie eingehüllt in eine Zwiebelschicht aus Einkaufstüten in einer dreckigen Mülltonne hinter dem Hotel.
Ein mehr als trauriges Ende für eine so leckere Delikatesse.
PS: Guido erzählte mir heute, dass Umberto Eco mal etwas ganz ähnliches erlebte - nur mit einem Lachs statt mit Käse. Wer noch etwas Zeit hat, sollte sich die sehr amüsante Kurzgeschichte “Wie man mit einem Lachs verreist” nicht entgehen lassen.





